Lernwerkzeuge können Leben retten

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Warum meine Mutter nach ihrem Schlaganfall ihren Reha- Aufenthalt um 7 Monate verkürzen konnte

Es geht um Leben und Tod

„Lieber Jens, der Vati einer Freundin hat einen Schlaganfall mit Ausfall des Sprachzentrums erlitten. Bitte schicke mir die Lernwerkzeuge, die du damals Mutti aufgegeben hattest, als sie ihren Schlaganfall hatte. Hattest du darüber ein Buch geschrieben? Dann schick es gleich mit.“ Mein Vater klang am Telefon sehr aufgeregt. Eine Mischung aus Besorgnis und Hoffnung lag in seiner Stimme. Nein, ein Buch hatte ich (noch) nicht darüber  geschrieben, aber die Aufgaben haben mittlerweile schon mehreren Schlaganfallpatienten geholfen. Was war geschehen?

Schlaganfall-Patientin Mutti

Als wir von dem Schlaganfall meiner Mutter hörten, besuchten schnellstens sie im Krankenhaus. Zum Glück hatte sie nur leichte Lähmungserscheinungen, man sah es unter anderem am schiefen Mund. Aber ihr Sprachzentrum war arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie hatte das Gefühl, gut zu sprechen, aber es war nur ein unverständliches Gebrabbel. Auch stellte sicher heraus, dass sie kaum noch koordiniert schreiben konnte.

Gehirnaktivierung mit ABC- Listen

ALMUT- Spiel als Lebensretter

Lernwerkzeug ALMUT- Spiel mit den ABC- Listen

Ich hatte 5 Jahre zuvor auch einen Schlaganfall gehabt und wusste daher, dass schnelles Handeln angesagt ist. So bekam Mutti noch am gleichen Tag ungewöhnliche Aufgabe: Ich zückte Lernwerkzeug Nr. 1 und  legte ihr unseren ABC- Listenblock vor und ließ sie mit einer ABC- Liste spielen. In diese ABC- Liste sollte Mutti Vogelarten aufschreiben. In der ersten Liste am Tag des Schlaganfalls standen am Ende 3 Vogelarten- die gängigsten (Spatz, Amsel, Meise). Mehr wollten ihr nicht einfallen. Länger als 5 Minuten hätte sie sich auch nicht konzentrieren können. Die Kategorie „Vogelarten“ hatte ich ausgesucht, weil es meine Eltern in ihrem Grundstück lieben, im Winter Vögel zu füttern und dann aber auch nachzuschlagen, was das für Vögel sind.

Als wir sie tags darauf besuchten, waren auf einer neuen ABC- Liste zu Spatz und Co. vier weitere Arten hinzugekommen. Ich legte eine weitere Kategorie fest: „Familienangehörige“. Die Schrift glich zwar der einer Erstklässlerin, aber sie war eifrig. Als wir sie am vierten Tag besuchten, empfing sie mich mit der Frage, ob mir ein Vogel mit V einfällt, alle anderen Buchstaben hatte sie teilweise mehrfach belegt. Ich war begeistert. Auch die Schrift glich nach und nach ihrer alten Handschrift.

Fleißig übte Mutti weiter an ihren ABC- Listen und dachte sich mittlerweile eigene Kategorien aus- Straßennamen aus ihrer Heimat, Gegenstände aus der Küche, im Garten, Blumen usw.. Unser ABC- Block wurde ihr täglicher Begleiter und Lebensretter, Mutti erweiterte selbständig ihre die tägliche Übungszeit .

Warum aus 9 Monaten 6 Wochen wurden

Ihr Logopäde war erstaunt über ihre Fortschritte, hatte doch der Arzt bei der Schwere des Schlaganfalls etwa 9 Monate Genesungszeit vorhergesagt. Das war neu für ihn:  Solche Lernwerkzeuge hatte er bisher noch nicht gekannt. Deren Wirkungsweise war sensationell:  Schon nach einer Woche war das Schreiben und klare Denken wiederhergestellt.
Jetzt war es wichtig, ins Sprechen zu kommen. Der Logopäde  ließ sich ihre Aufgaben genau erklären und war begeistert. Ab sofort sprach Mutti ihre Ergebnisse aus den Listen laut und immer deutlicher, was sie sehr gerne tat.

Ihre Sprache wurde immer flüssiger. Logopäde und Patientin waren hoch motiviert ob dieser schnellen Fortschritte.

Nach ABC- Listen Mindmaps als Waffe Nr. 2

Mir fielen meine Mindmaps ein, die ich für eine Sprechtrainerin gezeichnet hatte. Ihr Inhalt: die richtige Aussprache von Vokalen und Konsonanten und um das Trainieren von Zungenbrechern.
Lernwerkzeug Nr. 2- die Mindmaps würden dafür sorgen, dass meine Mutter auch schnell wieder normal sprechen konnte. Also schritten wir zur Tat: Neben den täglichen ABC- Listen kamen nun auch noch die Sprechübungen hinzu.

Das alles führte dazu, dass sie in der Reha zur Musterschülerin aufstieg und trotz ihrer 79 Jahre die schnellsten Fortschritte machte, die schwersten Sprechübungen bereits bestand und fast intakt entlassen werden konnte. Nicht nach 9 Monaten, sondern nach 6 Wochen. Selbstbewusst stand sie mir zum ersten Mal für ein Interview (siehe unten) zur Verfügung.

Das Gehirn baut Umleitungen

Bei einem Schlaganfall verstopft ein Thrombus eine Blutbahn und unterbricht damit die Blutzufuhr. Die davon betroffenen Gehirnzellen oder gar -zentren sterben schnell ab. Abhängig davon, welches Hirnareal abstirbt, kommt es zu Ausfallerscheinungen. Der eine kann nur noch eine Seite sehen weil das Sehzentrum ausgefallen ist (wie bei meinem Schlaganfall), ein anderer verliert die Koordination, kann nicht mehr schreiben, verliert sein Gedächtnis, kann nicht mehr sprechen oder riechen oder hat Lähmungserscheinungen einzelner oder aller Gliedmaßen. Aber unser Zentralspeicher ist flexibel. Wenn wir das Gehirn fordern, wenn es Aufgaben bekommt, reagiert es durch das Anlegen von neuen Nervenbahnen– die zerstörte Autobahn wird umbaut mit einer neuen kleinen, noch unbefestigten Straße. Diese gilt es stetig auszubauen, bis auch sie die Größe und Leistungsfähigkeit einer Autobahn hat.

Das geschah beim Anlegen der ABC- Listen, dem Schreiben und den Sprechübungen. Gleichzeitig wirken die Erfolgserlebnisse wie ein Dünger für neue Taten. Unser Gehirn schüttet Glückshormone aus, die dem Patienten aufzeigen, dass er die Hoffnung nicht verlieren braucht. Der Patient ist motiviert.

Gehirnaktivierung auch danach

Mutti spielt noch heute gerne unser ALMUT- Spiel, auch eines unserer Lernwerkzeuge. Sie tut dies, weil sie weiß, dass sich dadurch immer neue Nervenbahnen bilden: Sie ist immer offen für all unsere Gehirnaktivierungsspiele. Auch machen ihr unsere Gedächtnisübungen mit unseren ALMUT- Karten Spaß. Sich 50 Wörter in der richtigen Reihenfolge zu merken, ist für sie absolut normal. Sie feiert heute ihren 82. Geburtstag. Von ihrem Schlaganfall ist nichts mehr zu merken. Sie steht mit beiden Beinen im Leben und erfreut sich bester Gesundheit. Happy Birthday, Mutti.

Hier geht’s zu den erwähnten Hirnaktivierungs- Werkzeugen

Euer Jens

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